Christian Völker hat in der machackers Mailinglist einen sehr guten Beitrag zum Thema verfasst. Es geht zwar um OSX und DTP - Prinzipell trifft das aber so ziemlich überall zu. Da es leider kein Archiv dieser Mailiglist zu geben scheint bin ich so dreist, diesen Artikel hier einfach nochmal zu Posten:
[shameless copy following]
Am Freitag, 12.09.03 um 21:07 Uhr schrieb Sascha Boerger:
> Moin Haiko,
>
>> ich hab mich natuerlich gleich (ehrenamtlich ;) angeboten der firma
>> zu helfen in den
>> genuss von osx zu kommen. allerdings hab ich null erfahrung mit den
>> dortigen problemen.
>> nach aussage meines freundes sind das "einrichtung von so sachen wie
>> verschiedenen
>> fonttypen, druckertreibern, color-management".
>> hoert sich alles net so furchtbar an eigentlich.
> Eigentlich! Ich hatte mal das Vergnügen tiefer in die
> Mac(-OS9)-basierten Produktionsprozesse der "meinungsBILDenden"
> Zeitung in Deutschland schauen zu k=F6nnen/d=FCrfen. Was sich dort alles
> an produktionsspezifischen Plugins und gelernten Erweiterungen in der
> Quark-Welt findet ist schon aufregend (und eine massiv komplexe
> Materie - zur Freude der Administratoren). Das ganze Zeug gibt es
> natürlich noch nicht (oder nicht 100% funktionsfähig) für Quark
> (unter OS X). Also Vorsicht!
>
> Zudem gibt es das beliebte Tool "Adober Type Manager" (welches nahezu
> auf jedem OS 9 Produktionsrechner installiert sein dürfte) nicht für
> OS X und wird es laut Aussage von Adobe wohl auch nie/nicht mehr geben.
Meiner Einschaetzung nach hat man hier mit einer Gemengelage zu
kaempfen. Zunaechst einmal weiss die weit ueberwiegende Mehrzahl
der Leute, die im Printbereich arbeiten nicht *WARUM* ihr System
funktioniert, sie wissen lediglich, ob es funktioniert. Viele
wissen auch was zu tun ist, wenn es nicht funktioniert, aber wie
gesagt kaum einer weiss, warum es geht. Unter diesen Bedingungen
produzieren die Menschen aber ganz effektiv und verdienen auch
Geld (wenn bezahlt wird). Deshalb kann man sich zwar die Haare
raufen und daran verzweifeln, aber man sollte es nicht einfach
fuer Unfug halten, was da ablaeuft. "Never change a running sys-
tem" ist unter solchen Umstaenden mehr als eine Binsenweisheit.
Und eine konservative Einstellung sichert die wirtschaftliche
Existenz.
Colormanagement. Das ist ein Wunschtraum der Industrie und auch
vieler Anwender. Ich habe noch nirgends einen wirklich funktio-
nierenden durchgaengigen farbverbindlichen Workflow gesehen, auf
den sich die Anwender verlassen mochten. Es stellt sich auch die
Frage, in welchem Szenario dies heute einen wirtschaftlichen Vor-
teil darstellt, denn die Bindung an den nachfolgenden Dienstleis-
ter, insbesondere an die Druckerei wird dadurch derzeit eher enger.
Deshalb scheitern solche Projekte auch oft auf halbem Wege. Wenn
Erfahrungswissen ohne jeglichen Einsatz von Technologie verkaeuf-
liche Ergebnisse sichert und zugleich meinen eigenen A****, weil
nicht jeder dahergelaufene Moechtegern es mir gleich tun kann,
dann frage ich mich doch, warum ich mir die Muehe machen soll.
Die ersten PrePress-Scanner von Linotype und Co. haben die Farben
als CMYK-Daten an den Rechner uebergeben. D.h. bereits vor der Be-
arbeitung hat man den Farbraum reduziert und sich auf ein Ausgabe-
medium festgelegt. Archivierung von Daten macht so keinen Sinn.
Und wie geht das mit Cross-Media-Publishing? Vergiss es. Warum
soetwas? Erstens: Gewohnheit. So haben es die Leute gelernt.
Zweitens die begrenzte Rechenleistung. Die Druckbranche (nicht
das Grafikdesign) war immer an hohe Invstitionen und massiven
Einsatz von Technik gewoehnt. Sie hat die Vorteile der Computer
sehr frueh erkannt und angenommen, kaum nachdem die Umstellung
auf Fotosatz gerade vollzogen war. Damals musste man technische
Kompromisse machen, um die notwendigen Datenmassen zu handhaben
In Zeiten von Gigabit Ethernet und Desktop Video kannst Du das
getrost vergessen. Umgekehrt mussten die Investitionen aber auch
zuverlaessig einzuspielen sein. Dass die ersten elektronischen
Satzsysteme von Berthold kein WYSIWYG konnten, hat da herzlich
wenig interessiert. Man konnte eben einen Blocksatz im Kopf mit-
rechnen, basta. Wenn Du dieses Koordinatensystem verinnerlicht
hast, darfst Du mitreden und wirst auch ernst genommen.
Also, vernuenftiges Farbmanagement braucht eine Profilierung aller
Geraete etwa einmal im Monat, es kostet Farbraum, weshalb dem Pro-
zess der optimale theoretische Farbraum zugrunde liegen sollte,
also CIE-lab und nicht CMYK, Normlicht in den Arbeitsraeumen, kein
Tageslicht (verstoesst also gegen die Arbeitsplatzrichtlinien) und
vor allem zuallererst mal darf niemand mehr den Helligkeits- und
Kontrastregler am Bildschirm beruehren. Sag das mal nem Designer.
Die sitzen mit gelben Sonnenbrillen am Bildschirm und regen sich
auf, dass das Gruen so spackig aussieht. Jedes Buero hat einen
gelernten Reproprofi, der bei wichtigen Auftraegen noch mal im
Photoshop druebersschaut, ob die numerischen Farbanteile seinen
Erwartungen entsprechen. Ob der Bildschirm violett zeigt ist dann
egal, er weiss, wieviel Cyan und Magenta in das Blau hinein ge-
hoeren. Und frag mal einen Drucker, was Repro mit der Druckmaschine
bedeutet, die holen da aus den unmoeglichsten Filmen noch was raus.
Dies ist uebrigens auch ein Hintergrund, warum in Deutschland so
gerne mit Quark Dateien um sich geschmissen wird. So kann man seine
Verantwortung abtreten. Es ist ein voelliger Quatsch. PostScript
wurde als Uebergabeformat konzipiert, aber da kann man ja spaeter
nicht mehr so leicht dran drehen. Die guten Geister sitzen im
Belichtungsstudio oder in der Druckerei. Die investieren viel,
bis es mit einer neuen Agentur zusammen klappt und unterhalten
auch unabhaengig von den Grafikern gute Beziehungen zu denen, die
am Schluss wirklich zahlen, also den Kunden.
Fonts. Da sieht es nicht viel anders aus. wenn Adobe sagt, sie
bauen keinen Type Manager mehr fuer OSX, dann einfach weil es keinen
mehr braucht. Die haben OSX schon noch auf dem Schirm als Profiplatt-
form. Ausserdem gibt es ja noch Suitcase. Der Typemanager war auch
eine Methode, mit begrenzten Mengen Arbeitsspeicher und Rechenleis-
tung zurecht zu kommen. Die installierten Fonts wurden naemlich ohne
ATM alle ins System geladen und dann lief bei fuenfzig Fonts auf dem
IIci oder der Quadra 700 nichts mehr. Die Fontdesigner sind in den
Achtzigern Amok gelaufen, aber keiner kann Achttausend Fonts unter-
scheiden ausser Erik Spiekermann und die braucht auch keiner. Eine
klassische Akzidenzdruckerei mag vielleicht ein Dutzend unterschied-
liche Schnitte gehabt haben und vielleicht von zwei Schriften genug
fuer den Fliesstext in groesseren Auftraegen, sodass ein Bogen ge-
setzt werden konnte. Und nun hiess es anything goes. Aber wenn man
einmal seinen Stil gefunden hat mit dem man ja auch identifiziert
wird, dann nimmt man nicht jede Woche ne neue Schrift und die paar
Ueberschriften kann man auch als Grafikobjekt einbetten.
Was die Einbettung von Schriften angeht ist PDF ja die sinnvolle
Fortsetzung von PostScript, bei dem vor allem lizenzrechtliche Fragen
die Einbettung als inpraktikabel erscheinen liessen aber auch die
Dateigroessen in Zeiten von Disketten oder ISDN. Und jetzt frag mal
nen Grafiker, wie er den Acrobat Distiller genau einstellen muss,
damit seine Druckerrei nicht ueber die eingebetteten Fonts und Profile
stolpert. Deswegen wurden z.B. schon wieder Subsets wie X1 oder X3
fuer Amiland respektive Europa definiert, die die jeweiligen Gepflogen-
heiten zum Inhalt haben.
Vor diesem Hintergrund wird vielleicht auch klar, wieso die Grafiker
so eine masochistische Ader entwicklen und sich bis heute von Quark
zuechtigen und erniedrigen lassen und davor dankbar zu Kreuze kriechen
und ihre oft schmalen Gewinne zum Opferstock tragen und unerhoerte
Lizenzgebuehren zahlen. So ist auch klar, warum es fuer Apple so
wichtig war, das Quark endlich portiert wird und warum Steve Jobs so
markige Worte benutzt und OS 9 zu Grabe traegt auf der WWDC 2002 und
was der Umstieg eben fuer ein Mammutprojekt ist und warum an Copland
so lange programmiert wurde bis es obsolet war, um nur von Anfang an
so gut zu sein wie das klassische MacOS. und warum Adobe als anerkann-
ter Partner im Printbereich sein Produkt Indesign trotz jahrelangen
Klinken Putzens bei den grossen Haeusern nur langsam und unterstuetzt
durch niedrige Preise in den markt druecken kann.
Aah, bis jetzt haben wir noch nicht ueber so nette Dinge wie OPI-Server,
Bilddatenbanken, Stundenerfassung, Agenturverwaltung und dergleichen
mehr gesprochen. Vielleicht sollte man davon ausgehen, dass einige
Pioniere zunaechst mit zwei Rechnern nebeneinander auf ihrem Tisch
an die Umstellung gehen, das hielte ich fuer realistisch. Allerdings
musst Du dann wie der Teufel dahinter her sein, dass mit dem neuen
System auch gearbeitet wird (und nicht in OS9 gebootet wird!) und das
die Probleme aufgelistet werden und zwar so, dass Du sie nachvollziehen
kannst. So koennte es gehen.
So jetzt habe ich mich zu einer Menge Behauptungen verstiegen, die
sicher gleich haarklein zerpflueckt werden, ich freue mich schon drauf.
Als Ergebnis kann man aber festhalten, dass es den Anwendern eigentlich
erst so weh tun muss, dass sie den ganzen Tag aua schreien und jeden
Tag drei Ueberstunden schieben muessen um ihr Pensum aufzuholen, bevor
sie bereit sind, lieb gewonnene Gewohnheiten in Frage zu stellen. Und
erst dann kannst Du einen Versuch starten ohne beim ersten Problem
gekoepft zu werden. Sie sollten Dir zu diesem Zeitpunkt bereits vertrau-
en, Dich am besten abgoettisch lieben, weil Du ihnen bereits ein paar
mal den Kopf gerettet hast. Dass Du dich zu diesem Zweck selbst ver-
sklaven musst und rund um die Uhr per Handy erreichbar sein solltest
versteht sich von selbst. Ueberhaupt zaehlen bei den Kreativen nicht
allein die Erfolge, die Du verbuchen kannst sondern auch die kompromiss-
lose Bereitschaft, jederzeit aus dem Stand heraus eine Extraschicht
einzuschieben. Es macht schon viel Spass mit und fuer Kreative zu
arbeiten, aber pflegeleicht sind sie nicht und manchmal sehr anstreng-
end.
Gruss, Christian
Posted by chrono at 13.09.03 17:09 | TrackBack